Aus der Wissenschaft: Interview mit PD Dr. Holger Cramer

Holger Cramer ist habilitierter Psychologe und Gesundheitswissenschafter und Forschungsleiter an der Klinik für Naturheilweisen und integrative Therapie am Klinikum Essen  Mitte.  Er ist auch einer der aktivsten Forscher zum Thema „Wirkung von Yoga auf die Gesundheit“ im deutschen Sprachraum. Im September durfte ich ihn während der Mind Body Medicine Summer School in Essen kennen lernen. Außerdem hat er mir einige Fragen zum Thema Yogatherapie sehr ausführlich beantwortet.

Was bedeutet Yogatherapie für Sie?

Es gibt dazu eine sehr schöne Definition von Gary Kraftsow, dem Begründer des American Viniyoga Institutes und Pionier der Yogatherapie: “Yogatherapie umfasst die Anpassung und Anwendung von Yogatechniken und -übungen, um gesundheitlich eingeschränkten Personen zu helfen, mit ihrem Gesundheitszustand umzugehen, Symptome zu lindern, Balance wiederherzustellen, Lebenskraft zu stärken und Einstellungen zu verändern.” Therapeutischer Yoga ist also der Form nach identisch mit nicht-therapeutischem Yoga, aber ebenmit therapeutischer Intention. Häufig wird Yogatherapie (zumindest im angloamerikanischen Sprachraum) in Einzel- statt in Gruppensettings angewandt, die vorhandene Studienlage deutet aber darauf hin, dass das nicht essentiell ist. Ebenso wenig ist Yogatherapie an eine bestimmte Yogaform gebunden. Jeder Yoga kann therapeutisch sein, wenn die entsprechende Intention dahintersteht und natürlich die notwendige Anpassung an die Möglichkeiten gesundheitlich eingeschränkter Teilnehmer erfolgt.

Worin sehen Sie den Hauptnutzen von Yoga in der Vorbeugung von Erkrankungen? Und wenn bereits Krankheiten bestehen, insbesondere chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Adipositas oder Diabetes?

Dass Yoga von den Krankenkassen zwar bezuschusst wird, aber nur als Prävention und nicht als Therapie ist ein wenig absurd. Yogatherapie ist nämlich durch Studien sehr viel besser und breiter belegt als präventiver Yoga. Allerdings zeigen Studien an Gesunden und Risikogruppen, dass Yoga die körperliche Aktivität steigern kann, den Blutdruck, Blutfette und den HbA1c-Wert („Langzeitblutzucker“) senkt und auch den Bauchumfang, BMI und das Gewicht reduzieren kann. Alles wichtige Risikofaktoren für Herz-Kreislauf- und sonstige Lebensstil-assoziierte Erkrankungen. Nicht zu vergessen die psychische Wirkung: Yoga reduziert nachgewiesen Stress, Depressivität und Ängstlichkeit, Parameter die nicht nur das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes Typ 2 erhöhen, sondern auch allgemein das Sterberisiko und auch mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht werden. Bei bereits erkrankten Personen gibt es noch sehr viel deutlichere Hinweise auf positive Wirkungen. Studien zeigen z.B. bei den von Ihnen genannten Krankheiten positive Wirkungen im Sinne eines normalisierten Blutdrucks, Gewichtsreduktion und Verringerung der Insulinresistenz, also dem Nichtansprechen es Körper auf Insulin, einem Hauptmechanismus des Diabetes. Daneben finden sich positive Wirkungen besonders bei chronischen Schmerz- und rheumatischen Erkrankungen, aber auch bei Asthma und unterstützend bei Begleitsymptomen von Krebserkrankungen, wie Erschöpfung und Schlafstörungen.

Welchen Stellenwert hat therapeutisches Yoga für Sie in der Behandlung von Rücken- und Nackenschmerzen?

Die Studienlage bei Nacken- und v.a. bei Rückenschmerzen ist absolut überzeugend. Zahlreiche hochkarätige Studien haben hier positive Wirkungen gezeigt. Die Wahrscheinlichkeit einer Besserung des Gesundheitszustandes ist bei Patienten, die Yoga praktizieren mehr als dreimal so hoch wie bei solchen, die kein Yoga üben. Insgesamt profitieren etwa zwei Drittel aller Rückenschmerzpatienten von der Teilnahme an einem Yogakurs. Mittlerweile hat das auch einen Niederschlag in den deutschen Leitlinien gefunden und Yoga wird in der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz als eine Form der Bewegungstherapie empfohlen. Da Bewegung eine der Hauptempfehlungen bei Rückenschmerz darstellt, kann dies als sehr starke Empfehlung für Yoga in der wichtigsten deutschen Leitlinie bei Rückenschmerzen verstanden werden; Yoga hat hier also den gleichen Stellenwert wie die klassische Rückenschule. Neue amerikanische und deutsche Studien zeigen sogar, dass Yoga einer komplexen Physiotherapie ebenbürtig ist – immerhin seit Jahren der Hauptansatzpunkt bei Rückenschmerzen. Yoga wird heute teilweise als wahrer Jungbrunnen, als Allheilmittel verkauft. Genauso wissen wir, dass ein bewegungsarmer Lebensstil, zusammen mit hoher Stressbelastung unserer Gesundheit nicht zuträglich ist.

Was kann Yoga, was andere Formen der Bewegungs- und Entspannungstherapie nicht können?

In den meisten Studien ist Yoga anderen Formen der Bewegungstherapie ebenbürtig. Bei chronischen Schmerzen sollte man den Betroffenen überlassen, ob Yoga oder andere Formen körperlicher Aktivität eher ihrem Naturell entsprechen. Bei anderen Erkrankungen ist aber die Kombination von körperlicher Aktivität, Entspannung und Atemtechniken, die Yoga ausmacht, essentiell. So scheinen die positiven Wirkungen beim Bluthochdruck aber auch bei Depressionen v.a. auf den Atem- und Meditationstechniken zu beruhen, die besonders stark das autonome Nervensystem ansprechen. Ich habe verschiedenste Erkrankungen untersucht und hunderte Yogastudien ausgewertet und nie waren Sport oder Entspannung dem Yoga überlegen; Yoga war immer zumindest ebenbürtig. Allerdings ist bei Yoga, wie auch bei anderen Formen der Bewegungstherapie, das Verletzungsrisiko geringfügig höher als bei Entspannungs- oder psychotherapeutischen Verfahren. Dies sollte berücksichtigt werden, ansonsten ist Yoga bei zahlreichen Erkrankungen zumindest eine Alternative zu anderen Bewegungs- und Entspannungstherapien.

Wie findet ein Anfänger den richtigen Yogatherapeuten?

Es gibt heute ja fast so viele Yogaformen wie Yogalehrer. Die Frage ist, was ich mit Yoga erreichen will. Für einen gesunden Menschen sind grundsätzlich alle Yogaformen geeignet, hier kommt es ganz auf die persönlichen Vorlieben an. Personen, die eher Prävention betreiben möchten, wählen hier häufig eher körperbetonte Formen wie Iyengar oder Poweryoga aber auch traditionellen Hatha Yoga, während Personen die eher Spiritualität suchen, sich oft eher von Kundalini oder Sivananda Yoga angezogen fühlen. In Hinblick auf therapeutische oder präventive Wirkungen muss man aber sagen, dass es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass ein Yogastil besser wirkt als irgendein anderer. Bei Menschen mit Vorerkrankungen wäre es aber hilfreich, wenn der oder die Yogalehrende eine medizinnahe Grundausbildung mitbringt und/oder eine eher therapeutisch ausgerichtete Yogaausbildung erworben hat. Solche Ausbildungen bieten heute fast alle großen Yogatraditionen an. Hilfreich ist bestimmt eine Ausbildung bei einem der großen Berufsverbände. Es gibt mittlerweile auch einen internationalen Yogatherapie-Verband, dessen Zertifikate aber leider in Deutschland noch kaum verbreitet sind. Wie immer, wenn es um Therapie geht ist aber auch die persönliche Passung zwischen Therapeut und Patient essentiell, hier hilft dann nur eine Probestunde.

Viel Freude auf der Matte wünscht Dir,

Marion

 

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