Kongress: Meditation und Wissenschaft

Von 30. November bis 1. Dezember war ich eingeladen, am Kongress Meditation & Wissenschaft in Berlin teilzunehmen. Das Kongressthema lautete „Meditation zwischen Abgrund und Nirvana – Selbst-Optimierung für eine neue Welt?“.

Vor Beginn des Kongresses war ich sehr gespannt, welche TeilnehmerInnen an diesem Kongress teilnehmen würden. Geisteswissenschaftler? Philosophen? Religionswisschenschaftler? Alle Annahmen waren nicht falsch. Am Ende war ich aber doch überrascht, dass die große Mehrheit des Publikums in Gesundheitsberufen arbeitete, überwiegend als PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen.

Die beiden Kongresstage waren zwei unterschiedlichen Themenschwerpunkten gewidmet. Und da beide Tage sehr voll mit spannenden Vorträgen und Informationen waren, erhält jeder Tag seinen eigenen Beitrag.

„Achtsamkeit in der Arbeitswelt:  Den Flow der Komplexität finden“

War der Themenschwerpunkt am Freitag. Hierbei ging es zunächst darum, was Achtsamkeit im Kontext eines Unternehmens überhaupt ist und welchen Nutzen Achtsamkeit im Unternehmensalltag bringen kann.

Achtsamkeit wurde als Betrachtung und Auseinandersetzung mit der Realität definiert, als das bewusste Wahrnehmen was um uns herum passiert. Als achtsames Unternehmen wurde ein Betrieb bezeichnet, der einen realistischen Umgang mit der Ressource Mensch pflegt, der erkennt, dass Menschen sinnsuchende, (mit)fühlende Wesen sind und entsprechende Handlungsmöglichkeiten bietet.

 

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Am Beispiel von RWE wurde die Integration von Achtsamkeit in ein Führungskräfteprogramm gezeigt.

Ein Talk mit VertreterInnen von EZB, Ottova, Beiersdorf, Lufthansa und Upstalsboom zeigte die unterschiedlichen Angebote und Möglichkeiten für Achtsamkeit, Meditation, Yoga und mehr in den Unternehmen. Seit 2006 wird Achtsamkeit bereits als Mitarbeiterinitiative in der EZB praktiziert. Die MitarbeiterInnen der Ottova Krankenkasse haben das ursprünglich für die Versicherten geplante Programm auch für sich übernommen. Bei Beiersdorf wurde Achtsamkeit zunächst in ein Führungskräfteprogramm integriert, und von dort an die Mitarbeiter weiter gegeben. Das Ziel von Lufthansa ist es, in rauen Zeiten eine neue Unternehmenskultur und bessere Resilenz zu entwickeln. Auch bei Upstalsboom stand die Entwicklung einer achtsamen Unternehmenskultur im Vordergrund.

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Die Ziele der Achtsamkeitspraxis und auch die bereits messbaren Effekte zeigten sich in den Unternehmen ähnlich. Zufriedene, selbstverantwortliche MitarbeiterInnen, eine achtsame Gesprächs- bzw. Unternehmenskultur, Förderung der Gesundheit bzw. Reduktion von Krankenstandstagen.

Das Ich zwischen bewusster Selbstentwicklung und Neuro-Optimierung

Ein weiteres Thema am Freitag waren Selbstoptimierung und Neuro-Enhancement.

Das Neuro-Enhancement als eine Art medikamentöses Gehirndoping verspricht eine rasche, einfache Leistungssteigerung des Gehirns, verursacht aber durch eigentliche Hauptwirkung und Nebenwirkungen der Medikamente viele Probleme, vom Leberschaden bis zur Depression, die die positiven Effekte bei weitem übersteigen.

Selbstformung bzw. Selbstoptimierung mit Techniken aus Achtsamkeit, Meditation, Psychotherapie usw. ist dagegen ein langwieriger Prozess, der einiges an Aufmerksamkeit und Arbeit erfordert, dafür aber zu einem stabilen, nachhaltigen Ergebnis führt.

Außerdem wurden die Wirkungen von Biofeedback und Binaurealer Stimulation dargestellt und aufgrund der aktuellen Studienlage eher kritisch bewertet.

In der abschließenden Diskussion hoben die Vortragenden erneut hervor, dass das Wesentliche die eigentliche, persönliche Meditationserfahrung ist, die nur durch regelmäßiges Üben, aber nicht durch Geräte oder Stimulationen von außen erlangt werden kann.

 

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Der abschließende Festvortrag der Philosophin Ariadne von Schirach „Du sollst nicht funktionieren- Für eine neue Lebenskunst“ über die Gegensätze von Natur und Kultur, Notwendigkeit und Freiheit, Körper und Seele fasste die wesentlichen Punkte der vorangegangenen wissenschaftlichen Vorträge aus philosophischer Sicht zusammen. In unserer hektischen, leistungsorientierten Gegenwart ist Selbstoptimierung ein wesentlicher Baustein. Der aber den Bezug zu unserem Inneren immer weiter verdrängt, Qualität wird zu Quantität, Selbstwert wird zu Marktwert. Dennoch entwickeln sich Sinn und Erfüllung vor allem aus der Arbeit im Inneren.

So ging ein sehr lehrreicher Kongresstag zu Ende.

Ausblick: Der Samstag war den Themen „Meditation in Medizin und Therapie“ und „Meditation mitten im Leben: Wachstum und Entfaltung als Weg der Selbsterkenntnis“ gewidmet. Da auch dieser Tag voll interessanter, teilweise sehr  komplexer Themen war, kannst du hier weiterlesen.

Alle Fotos außer das Titelbild wurden dankenswerter Weise von Grit Schwerdtfeger zur Verfügung gestellt.

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