Meditation und Wissenschaft – Teil 2

Das war der Freitag.

Samstag

Zu Beginn der Vorträge fand sich an jedem Platz ein Topf mit einer, grob gesagt recht unscheinbaren, grünen Pflanze.

Im Science Slam am Samstag Morgen berichteten Nachwuchswissenschaftler über ihre aktuellen Forschungsprojekte rund um Meditation und Achtsamkeit. Anschließend wurden wir Teilnehmer zu einer anthroposophischen Meditation angeleitet, in deren Zentrum eben diese Pflanze, das Barbarakraut, stand.

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Im darauffolgenden Vortrag berichtete Jost Langenhorst über die Anwendung von Achtsamkeit und Mind-Body-Medizin in der Gastroenterologie. Durch Meditation, Achtsamkeitstraining, Yoga und spezifische Patientenschulungen gelingt es, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen äußerst effektiv zu behandeln und die Wirkung der Meditationspraxis bis in die Gen-Ebene nachzuverfolgen. Auch Behandlungsstrategien des Reizdarmsyndroms wurden besprochen.

Resilenz durch Selbstmitgefühl war das Thema des Vortrages von Christine Brähler, in dem sie auf die Wichtigkeit der Fürsorge, sowohl als Selbstfürsorge als auch als Fürsorge von außen betonte. Fürsorge ist wichtig, um Fürsorge weiter geben zu können und ein Helfer-Burnout zu vermeiden.

„Stell dir vor, du würdest so mit einem Freund reden, dem es schlecht geht, so wie du gerade mit dir selbst redest“

Auch die Achtsamkeit am Lebensende, im Rahmen der Palliativversorgung war ein wesentliches Thema. Im Vortrag von Friederike Boissevain stand die Frage „Wer bin ich?“ und „Wer bin ich, wenn alle sozialen und gesellschaftlichen Definitionen und Aufgaben plötzlich wegfallen?“ zentral im Raum. Außerdem wurde das Thema Spiritueller Schmerz, Seelenschmerz, existentieller Abschiedsschmerz aufgegriffen und wie selten es im Krankenhausalltag wirklich wahrgenommen wird. Dabei, so die Vortragende, würde gutes Zuhören am Lebensende oft mehr bewirken als die häufig angewandte Apparatemedizin.

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Verändert Achtsamkeit die Sicht auf Gesundheit und Heilung?

Im anschließenden Talk ging es darum, ob und wie Achtsamkeit die Sicht auf Gesundheit und Heilung verändert. Aus Sicht der Psychotherapeutin sprach Frau Brähler darüber, dass Krankheit ein Teil des Lebens ist. Und die Psychotherapie die Betroffenen dabei unterstützen kann, mit starken Ressourcen mit der Erkrankung umzugehen. Aus ärztlicher Sicht wurde festgestellt, dass das System Krankenhaus eher ein Krankheitssystem sei als ein Gesundheitssystem. Dennoch sollte eine ressourcenorientierte Behandlung auch ihren Stellenwert in der Akutmedizin erhalten. Dabei, scheitere es aber, laut Langenhorst, bereits an so einfachen Dingen wie der Ernährung im Krankenhaus, die oft nicht als nährend und heilsam bezeichnet werden kann.

Am Samstag Nachmittag stand die Frage nach dem Sinn im Mittelpunkt. Wie entsteht Sinn, wie kann der Mensch sinnesfüllend leben und meditieren? Selbstreflexion, Selbst Erkenntnis und bewusstes Erleben, alles Teile der Achtsamkeit, gelten als Voraussetzung für ein sinnerfülltes Dasein.

„Wir brauchen eine Kultur des Geistes“

Harald Wallach sprach in seinem Vortrag über eine neue Epidemie. Die Epidemie der Gefühle der Sinnlosigkeit, des Ausgebranntseins, Verlust der eigenen Mitte, zunehmende Gier und Sucht nach Ablenkung. Um dieser Epidemie entgegenzutreten, brauchen wir eine Kultur des Geistes. Diese sollte, trotz der inneren Einkehr, keine rein private Angelegenheit bleiben, sondern die Veränderungen, die zunächst im Geist entstehen, in zwischenmenschliche Beziehungen und somit weiter in die Welt tragen.

Kongress Meditation und Wissenschaft 2018, Foto: Grit Schwerdtfeger

Im abschließenden Festvortrag sprach Prof. Gert Scobel über die Paradoxien der Meditation. Darüber, dass im heutigen „Achtsamkeitsboom“ teilweise über 2500 Jahre alte, fernöstliche Techniken aus ihrem eigentlichen Zusammenhang herausgelöst und in das heutige, westliche Leben eingefügt werden. Durch die vermehrte neurowissenschaftliche Erforschung und die Fixierung auf die Wirkung der Meditation führe zur Anwendung von Meditation und Achtsamkeit, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wirtschaftliche Ziele in Unternehmen und Industrie, strategische Ziele im Militär, und mehr.

Unterstützt würde dies durch Anbieter von Apps, die im Sinne einer „McMindfulness“, Achtsamkeitsübungen als geistige Häppchen, analog zu FastFood, präsentieren. So würde die Achtsamkeit aus ihren ethischen und sozialen Umfeld herausgelöst und ein reines Mittel zum Zweck.

Was habe ich mitgenommen?

Mit etwas Abstand zum Kongress und seiner doch eher überwältigenden Informationsdichte kann ich für mich sagen, dass er mich sehr bestärkt hat, regelmäßig selbst zu meditieren und Achtsam zu sein.

Auch ohne meine geliebte spirituelle (Ashram-)Umgebung lässt es sich vortrefflich meditieren, ein Aspekt, den ich sicher weiter geben werde. Insbesondere an alle diejenigen, die bei Meditation überwiegend an Buddhafiguren, Shiva-Statuen, christliche Askese und andere religiöse Aspekte denken.

Denn auch wenn die Meditation so aus einem Teil ihrer ursprünglichen Kultur heraus gelöst wird, wir alle profitieren davon. Beruhigen unseren Geist, grenzen uns ab von Konsum- und Unterhaltungswahn und anderen modernen Epidemien. Und wenn der Arbeitgeber davon profitiert, dass es den MitarbeiterInnen gut geht, ja, warum nicht? Wir alle können von der (Wieder)Entdeckung einer Kultur des Geistes profitieren.

Alle Fotos wurden dankenswerterweise von Grit Schwerdtfeger zur Verfügung gestellt!

Viel Freude und Geduld beim Meditieren wünscht Dir,

Marion

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